Harburger Fahrradgeschichte(n) – AMH

Inhalt

Harburger Fahrradgeschichten

"De Renners kümmt" –
"Die Rennfahrer kommen"

Es herrscht große Begeisterung im Ziel des Großen Phoenix-Preises in der Denickestraße an diesem 13. Juli 1953. Über 10.000  Zuschauerinnen und Zuschauer jubeln, als Albert Mußfeldt die Ziellinie überquert. Die Konkurrenz ist deklassiert – der Sieger strahlt. Eine von vielen Harburger Fahrradgeschichten.

In Harburg wird seit den 1950er-Jahren Radsportgeschichte geschrieben. Das Rundstreckenrennen um den Großen Phoenix-Preis gilt als das schwerste seiner Art in Norddeutschland und zieht Jahr für Jahr Tausende an die Strecke in Eißendorf. Zusammen mit zwei Harburger Radsportlegenden, Karl-Heinz Knabenreich und Jürgen Baranski, hat sich das Stadtmuseum Harburg auf die Suche nach diesem heute fast vergessenen Kapitel der Harburger Sportgeschichte gemacht.

 

Die Fahrradgeschichten erzählen auch von einem Harburger Fahrradpionier des 19. Jahrhunderts und seinem „Knochenschüttler“, einem erfindungsreichen Brüderpaar, das erst aufs Fahrrad und dann mit dem Flugzeug in die Luft stieg, von „Arbeiterradlern“ und dem Durchbruch des Fahrrads als Sport- und Freizeitgerät.

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Die Anfänge

Das erste Harburger Fahrrad

Die Anfänge des Fahrrads reichen in Harburg bis 1866 zurück. Auf dieses Jahr ist die Skizze eines Fahrrads vom Harburger Maschinisten Carl Just (1827-1870) datiert. Diese technische Zeichnung lässt Rückschlüsse auf die Bauart des Fahrrads zu. Es handelt sich dabei um einen sogenannten „Boneshaker“ (Knochenschüttler) – ein Fahrrad mit gusseisernem Rahmen und Holzrädern ohne Federung.

Just liegt mit seiner Konstruktion im Trend der Zeit – das Fahrrad wird zunehmend populär. Technisch jedoch kann sich das Konstruktionsprinzip mit der Tretkurbel am Vorderrad nicht durchsetzen. Nach der anschließenden Entwicklung des Hochrades wird erst mit der Entwicklung des sogenannten „Sicherheitsrades“ in der 1890er-Jahren eine zunehmend massentaugliche Konstruktion entwickelt.

 

Nicht nur Freund des Zweirads: Nach Aussage seiner Tochter hat Carl Just auch ein solches Vélociped-Karussell auf dem Harburger Sand betrieben.

Radrennfahrer und Flugpioniere

Die Harburger Brüder Gottlieb (1874-1912) und Wilhelm Rost (1877-1961) gehören zu den Vorreitern des technischen Fortschritts in Harburg um 1900. Dem Fahrrad gehört ihre eine Leidenschaft. Ab 1904 betreiben sie in der Eißendorfer Straße eine Fahrradhandlung, zwei Jahre später eröffnen sie ein Fahrrad- und Automobilgeschäft mitsamt Werkstatt in der Rathausstraße.

 

Das auf 1898 datierte Bild von Gottlieb Rost auf einem Rennrad, ist das älteste erhaltene Bild eines Harburgers auf einem Fahrrad.

Die Harburger Gebrüder Wright?

Verblüffend sind die Parallelen zwischen dem berühmten amerikanischen Brüderpaar Wright und den Brüdern Rost. Auch die amerikanischen Flugzeugpioniere Orville (1871 – 1948) und Wilbur Wright (1867 – 1912) beginnen ihre Karriere mit einem Fahrradgeschäft, später widmen sie sich der Erfindung und dem  Bau von Flugapparaten. Ihre ersten motorisierten Flüge unternehmen sie am 17.12.1903.

Fahrradboom um 1900

Individuelle Mobilität für alle

Um die Jahrhundertwende werden Fahrräder durch die Fließbandproduktion zunehmend auch für die breite Masse der Bevölkerung erschwinglich. Eine erste große „Blütezeit“ des Radfahrens bricht an – das Fahrrad wird zum ersten Massenverkehrsmittel der Welt.

In Harburg gibt es zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Radfahrvereine. Unter anderem den „Harburger Radfahrer-Verein 1891“, den „Radfahrer-Rennverein“ und den „Arbeiter Radfahrer Verein Harburg und Umgebung »Frisch auf«“. Dieser geht später in der Ortsgruppe Harburg des 1890 gegründeten Arbeiter-Radfahrer-Bundes »Solidarität« auf.

 

Nicht nur für Sport und Erholung wird das Fahrrad genutzt:
festlich geschmückte Fahrräder und Radfahrer vor einem Schützenumzug 1928.

Großer Phoenix-Preis 1953: Das Feld ist gerade von der Denickestraße in die Thörlstraße eingebogen. Zuschauer-Scharen säumen die Strecke.

Radsport in Harburg ab 1951

Die Geburtsstunde des Radsports in Harburg nach dem Zweiten Weltkrieg ist der 8. Juli 1951, als hier ein „Rundstrecken-Radrennen“ stattfindet. Die Initiative dazu geht vom „Radfahr-Verein »Sport« von 1893“ aus Hamburg-Bergedorf aus. Unterstützung dazu kommt von zwei bekannten Harburger Unternehmen: den „Phoenix Gummiwerken“ und dem Automobilhersteller „Tempo“.

Das Rennen am 8. Juli 1951 wird ein voller Erfolg: rund 8.000 Zuschauern kommen an die Strecke in der Denickestraße (Start/Ziel), der Thörl-, Haake- und Gazertstraße.

Das freut auch die Sponsoren, die das Rennen als Werbeplattform nutzen.

Der Sieger des ersten Harburger Radrundrennens: Harald Dose vom RV Bergedorf.

 

Vom Erfolg des Radrennens begeistert, entschließt man sich in Harburg einen neuen Radsport-Verein zu gründen.

 

Es entsteht eine enge Verbindung zwischen dem Verein und den Phoenix-Werken. Letztere rufen 1952 den „Großen Phoenix-Preis“ ins Leben. Der RV »Elbe« wird das Rennen fortan veranstalten und dafür von der Phoenix unterstützt.

Der "Radsport Verein »Elbe« Harburg 1951"

Beim Radsportverein »Elbe« entscheidet man sich 1951 für die Vereins- und Trikotfarben Blau, Weiß und Rot – die Hausfarben der Harburger Phoenix Gummiwerke. Auch das rautenförmige Logo ähnelt dem der Phoenix Gummiwerke.

Das erstmals ab 1952 unter dem Namen „Großer Phoenix-Preis“ ausgetragene Rennen wird in den in den 50er- und 60er-Jahren zum Aushängeschild des RV »Elbe«.

 

Rennatmosphäre beim ersten Harburger Rundrennen 1951.

Der Große Phoenix-Preis

1951 noch als lokales Radrennen der Phoenix und der Tempo-Werke ausgetragen, entwickelt sich das Rennen in den folgenden Jahren zum einem der beliebtesten Radrennen Norddeutschlands.

Immer wieder ist das Fahrerfeld auch mit internationalen Startern besetzt. Aus Schleswig-Holstein, Braunschweig, Hannover und sogar aus Berlin reisen die Fahrer an. Komplettiert wird die Teilnehmerliste immer wieder durch Athleten aus Dänemark. 1955 nimmt sogar ein australischer Radfahrer am „Großen Phoenix-Preis“ teil.

Es geht rund: Die Rennstrecke

Von 1951 bis 1967 wird der Große Phoenix-Preis auf dem Rundkurs Denickestraße – Thörlstraße – Haakestraße – Gazertstraße – Denickestraße ausgetragen. 60-mal ist die 1020 Meter lange Strecke zu absolvieren.

 

Bei seinem Sieg 1953 legt Fahrer Albert Mußfeldt die 61 Kilometer lange Rundstrecke in 01:52:15 h zurück. Eine Minute und 50 Sekunden braucht er für eine Runde. Sein Durchschnittstempo liegt bei 32 km/h. In den 60 Runden überwindet er 720 Höhenmeter.

Ist die Sturzkurve gemeistert, geht es durch das Spalier von Tausenden Zuschauern in die nächste Runde oder ins Ziel.

Zielgerade Denickestraße

Porträt: Albert Mußfeldt - Das Idol

Albert Mußfeldt ist eine über Hamburg hinaus bekannt Radsport-Ikone der 50er-Jahre. 1928 in Iddensenen (Landkreis Harburg) geboren, geht er in Harburg zu Schule und fährt später täglich mit dem Rad nach Hamburg, wo er eine Lehre zum Maschinenschlosser absolviert. 1949 belegt er bei einem Werbe-Radrennen in Hamburg unter 400 Startern den 1. Platz.

Unter heute kaum vorstellbaren Bedingungen schafft Albert Mußfeldt – auf sich allein gestellt und ohne Trainer – den Sprung in die Nationalmannschaft des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR). Trotzdem entscheidet er sich aus beruflichen Gründen gegen eine Profikarriere als Radsportler und arbeitet bis zu seiner Pensionierung als Maschinenschlosser.

Porträt: Jürgen Baranski - Der Allrounder

Jürgen Baranski, geboren 1935 in Harburg,  ist ein Urgestein der Harburger Radsport-Szene. Nach 1945 kommt er in Kontakt mit dem Radsport. Im September 1951, zwei Monate nach dessen Gründung, wird er Mitglied im Radsportverein »Elbe«.

Der RV »Elbe« Fahrer Jürgen Baranski auf dem Anstieg zur Sennhütte 1953.

Von 1952 bis 1955 nimmt er am Großen Phoenix-Preis teil. Auch bei den Hamburger Bergmeisterschaften und Querfeldeinrennen – beide Veranstaltungen werden in den Harburger Bergen ausgetragen – geht er an den Start.

Harburg als Schauplatz unterschiedlicher Rennen

Querfeldeinrennen

Die Disziplin des Querfeldeinfahrens stammt ursprünglich aus Frankreich und ist dort unter der Bezeichnung „cyclocross“ seit den 1920er-Jahren populär. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird diese Sportart auch in Deutschland beliebt. Anders als beim Mountainbiken werden für das Querfeldeinfahren modifizierte Rennräder ohne Federung genutzt.

"Mit Schuss 200 Meter steil bergab, dann runter vom Rad und steil rechts nach oben mit dem Rad auf der Schulter.
Wieder auf dem Sattel durch oder um riesige Bombentrichter, bergab durch eine matschige Wildschweinkuhle. Zuletzt dann das Rad auf der Schulter am Schlussanstieg im knöcheltiefen Laub zur Kuhtrift hoch schleppen."
Karl-Heinz Knabenreich über die legendäre Rennstrecke mit Start und Ziel am Kuhdrift in Harburg.

Hamburger Bergmeisterschaft

So sehen Sieger aus:

Bernd Riemann vom Harvestehuder FV gewinnt die Hamburger Bergmeisterschaft in Neugraben am 15. September 1963.

Aschenbahnrennen

In Ermangelung einer Radrennbahn weicht man nach dem Zweiten Weltkrieg auf die noch vorhandenen Sportplätze aus, um dort Bahnrennen zu veranstalten. So auch auf die Aschenbahn im „Aussenmühle-Stadion“ am Harburger Stadtpark.

Nach dem Aschenbahnrennen auf dem Sportplatz Dulsberg am 21. Juni 1953: Durch die aufgewirbelte Asche sehen die Fahrer nach den Rennen oft aus wie Bergleute unter Tage. Hier zwei Fahrer des RV »Elbe«, links im Bild: Jürgen Baranski aus Harburg.

Deutsche Meisterschaften in Harburg

Die Erfolge des RV »Elbe« Harburg 1951 sowohl auf der Rennstrecke als auch bei der Organisation von Radrennen finden deutschlandweit Beachtung. Auch der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) wird auf Harburg und den RV »Elbe« aufmerksam. So gelingt es dem Verein Harburg zwischen 1980 und 2017 zum Austragungsort von 10 Deutschen Meisterschaften in verschiedenen Disziplinen zu machen.

BMX-Boom

In den 80ern wird BMX die neue Boom-Sportart. Überall in Deutschland suchen Jungen und Mädchen geeignete Fahrstrecken – möglichst im Gelände und mit schwierig zu befahrenden Wegen. In Harburg nutzen sie das Gelände mit dem ehemaligen Schießstand an der Heimfelder Straße. Eine offizielle BMX-Wettkampfbahn gibt es in ganz Hamburg nicht.

„BMX war toll! Die Verbissenheit der Sportler hat mich begeistert. Sie sind mit großer Leidenschaft eingestiegen, bauten ihre eigene Strecke, gingen mit mehr Power zur Sache als die Radrennfahrer.“

– Jürgen Baranski, der Anfang der 80er-Jahre BMX-Fachwart war.

 

 

Seit 2008 ist BMX eine olympische Disziplin.

Porträt: Karl-Heinz Knabenreich - Der Organisator

Harburger Radsport heute

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Diese digitale Ausstellung entstand auf Initiative und in Zusammenarbeit mit den zwei Zeitzeugen Jürgen Baranski und Karl-Heinz Knabenreich

 

Projektleitung: Jens Brauer, Leitung Stadtgeschichte AMH
Redaktionelle Mitarbeit: Christoph Schwartz, Hospitanz AMH
Umsetzung: Martina Schwalm, Digitale Kommunikation AMH

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