Webstory Mythos Hammaburg - AMH

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Mythos Hammaburg

Das Archäologische Museum Hamburg erzählt eines der spannendsten Kapitel in der Geschichte der Stadt: Die Entdeckung der legendären Hammaburg. Ergründen Sie mit uns die zahlreichen Rätsel um die historische Keimzelle der Hansestadt!

Wie die Menschen zur Zeit der Hammaburg lebten

Erste Siedlung

Auf dem Domplatz in Hamburg beginnt unsere Reise, zurück durch die Zeit bis ins Mittelalter. Die Häuser und Straßen um den Platz verschwinden, und wir blicken auf einen unbebauten Geestsporn – einen leichten Geländerücken, der von Osten nach Westen abfällt. Ungefähr dort, wo in 1.200 Jahren das Rathaus stehen wird, läuft er spitz zu und verschwindet im Wasser.

Hammaburg zur Zeit Ansgars (vor 845);
Blickrichtung von Westen nach Osten. Im Vordergrund die Furt, an der der Ost-West-Handelsweg die Alster durchquert, rechts die Reichenstraßeninsel. Das Geländemodell beruht auf den Ergebnissen geologischer Bohrungen und archäologischer Untersuchungen. Durch Ausgrabungen nachgewiesen ist darüber hinaus nur der Graben der Hammaburg. Die Rekonstruktion der aufgehenden Bebauung sowie der Ausdehnung der Siedlung basiert auf archäologischen Indizien und dem Vergleich mit zeitgleichen Befunden aus Norddeutschland.

Bereits im 8. Jahrhundert ist die Lage beliebt: Jeder, der entlang der Elbe flussabwärts Richtung Nordsee reist, kommt an der kleinen Landzunge vorbei.

Um uns herum sind Wiesen und Wälder. Doch vor allem prägt das Wasser die Landschaft. Der Alsterfluss umschließt von Norden und Westen in einer Schleife die kleine Landzunge. Sie ist sumpfig durch die vielen Überflutungen. Im Süden fließt die Elbe mit ihren vielen Seitenarmen. Wir befinden uns im Mündungsdreieck der Alster in die Elbe.

Bereits im 8. Jahrhundert ist die Lage beliebt: Jeder, der entlang der Elbe flussabwärts Richtung Nordsee reist, kommt seit alter Zeit an der kleinen Landzunge vorbei. Archäologen finden später ihre Spuren aus der Jungsteinzeit, Bronze- und Eisenzeit.

Die erste nachgewiesene Siedlung gründen die späten Sachsen, ein germanischer Stamm, kurz vor der Zeit Karls des Großen. Zu Beginn sind es nur ein paar Häuser und ein kleiner Ringwall, doch diese Ansiedlung wird bereits als Burg bezeichnet: Hammaburg. Archäologisch lässt sich nur der dazu gehörende Graben nachweisen. Der Name deutet übrigens auf die sächsische Gründung hin – er bedeutet “Burg in der feuchten Niederung bzw. Bucht.”

Alltag in Hammaburg

Etwa 200 Menschen leben hier, die meisten in Hütten und Häusern außerhalb des Walls. In der Burg residiert ihr Anführer in einer großen Halle. Spuren von Rädern ziehen sich durch den feuchten Boden des breiten Pfades, der zur Anlage hinführt. Der kreisförmige Wall, geschützt durch Holzpalisade und Wehrgraben, misst im Durchmesser etwa 65 Meter. Neben dem Eingang auf der Ostseite führt ein weiteres Tor nach Westen zum Wasser hinunter. In einer Schleife um eine neu entstandene Insel herum hat man das Wasser näher an die Siedlung geführt.

Am Ufer legen Fischer den Fang des Morgens aus und flicken ihre Netze. Speere, mit denen nach Aalen gestochen wird, liegen auf dem flachen Boden ihrer Boote. Ein Junge greift sich mit Mühe einen Stein mit einem Loch in der Mitte aus einem Boot und betrachtet ihn. Er ist schwer, damit die daran befestigten Netze im Wasser nach unten sinken. Einer der Fischer bemerkt den Jungen und guckt ihn grimmig an. Vor Schreck lässt er den Stein fallen und rennt zur Burg. Wir folgen ihm.

Die Häuser sind einfache Holzkonstruktionen: Fach- und Flechtwerk mit Lehmbewurf.

Er läuft auf die Palisaden zu und bleibt vor einem der Häuser stehen. Es sind einfache Holzkonstruktionen: Fach- und Flechtwerk mit Lehmbewurf. Manche sind in den Erdboden eingetieft, das Stroh- oder Reetdach reicht fast bis zum Boden. Vor den Häusern beginnt die Arbeit des Tages. Es wird Holz bearbeitet, Knochen geschnitzt oder getöpfert. Der Junge betritt eines der kleinen Grubenhäuser.

Zwei Frauen sitzen an einem einfachen Webstuhl. Gewichte aus Ton ziehen die Fäden straff nach unten. Eine der beiden Frauen schiebt das Schiffchen durch die Kette, die andere arbeitet mit einem Paket kleiner Brettchen an einer Zierkante. Als sie den Jungen bemerken, schicken sie ihn mit einer sanften Handbewegung wieder hinaus.

Seltene Keramik

Draußen scharren Hühner herum, in einem Verschlag aus Flechtwerk quieken Schweine. In der Auslage des Töpfer-Meisters liegt eine Vielzahl an Formen und Stilrichtungen: es gibt grob gemagerte, kugelige Töpfe aus heimischer Fertigung, die beim Kochen nicht so leicht springen. Die dunklen Gefäße mit eingeritzten Wellenmustern wirken feiner – diese Stücke müssen von den slawischen Nachbarn eingetauscht oder inspiriert worden sein.

Einige einheimische Gefäße kopieren die slawische Verzierungsweise.

Noch edler sind dunkle Kannen aus dem Rhein-Main-Gebiet. Sie zeigen ein Dekor aus Zinnfolie, oft in Kreuzform verziert. Vielleicht wurden sie von Geistlichen mitgebracht und dienten als Messwein- oder Taufkanne. So etwas findet man hier sehr selten und nur bei reichen Leuten.

Christen gibt es nicht in Hammaburg – zumindest noch nicht. Weiter nördlich, bei Esesfelth nahe dem heutigen Itzehoe, befand sich ein Missionszentrum. Graf Egbert hatte die Burg im Auftrag Karls des Großen für die Franken gebaut. Aber vor kurzem wurde sie von Nordmännern, die sich mit den Slawen verbündet hatten, angegriffen.

Letzter Vorposten vor den Wikingern

Um mehr Schutz vor ähnlichen Angriffen bieten zu können, wurde die Hammaburg gerade erst ausgebaut. In ihrem Zentrum thront eine große Halle, fast 20 Meter lang, quer zum Eingang. Um sie herum stehen vereinzelt Werkstätten, Ställe, Scheunen und Vorratsräume. Dazu Behausungen für die Handwerker und Bediensteten, die wie die restlichen Gebäude unter dem strengen Blick einiger Wachmänner stehen. Vor der Halle sitzt einer von ihnen und schärft geduldig sein Schwert mit einem Wetzstein. Der solide fränkische Stahl blitzt in der Morgensonne. Der Junge vom Ufer läuft selbstbewusst an ihm vorbei in die Halle.

Der große Raum wird von einer länglichen Feuerstelle erhellt, deren warmer Rauch nach oben steigt. Über ihr kocht Grütze in einem Specksteintopf. Der Duft zieht sich durch die ganze Halle. Längs zum Feuer sind an den Wänden gepolsterte Podeste wie Bänke und Betten aufgebaut. Verstreut liegen darauf ein paar Felle herum.

Am anderen Ende der Halle sitzt der Graf auf einem tonnenförmigen, hölzernen Stuhl. Trotz des warmen Feuers trägt er dicke Kleidung aus Wolle – Tunika, Hosen und einen rechteckigen Mantel. Vor ihm sitzt eine kleine Gruppe aus reisenden Händlern. Neuigkeiten sind bei ihm immer willkommen.

Christliche Geistliche gibt es nicht in Hammaburg – zumindest noch nicht.

Kreuzfibel, 9. Jahrhundert; Hamburg, Domplatz

Die Hammaburg ist der letzte Vorposten der Franken vor dem Gebiet der Wikinger und Slawen – hier ist man Durchreisende gewöhnt. Sie fördern den Informationsfluss und Handel. Der Junge beobachtet die Gruppe und geht langsam auf die Männer zu. Durch den Eingang tritt nun eine Frau in einem orange-roten Wollkleid. Ihre kreuzförmige Brosche schimmert im Schein des Feuers. Ein Bekenntnis des Glaubens und Schmuckstück zugleich – nichts für das einfache Volk.

Der Junge läuft auf die Frau zu, die sich mit einer Schüssel Graupen an die Feuerstelle setzt. Er setzt sich zu ihr, sie streichelt ihm den Kopf und gibt ihm ein Stück Räucherschinken. Er ist der Sohn des Grafen, der nächste Anführer der Siedlung Hammaburg. In den späteren Jahrhunderten werden ihm Grafen aus den Geschlechtern der Billunger und der Schauenburger folgen. Und irgendwann, viel später, entsteht aus dieser kleinen Siedlung von 200 Seelen auf einer Landzunge zwischen Elbe und Alster die große Hansestadt Hamburg.

Tafelgemälde des heiligen Ansgar 1457; Hamburg, Hauptkirche Sankt Petri

Die Ankunft des Missionars Ansgar

Die erste schriftliche Erwähnung von Hammaburg fand im Jahr 834 statt. Zu dieser Zeit reiste ein Mönch namens Ansgar aus Corvey als Missionar nach Hammaburg, um von hier aus die Christianisierung Skandinaviens weiter zu führen. Ob er ahnte, was ihn an seinem neuen Wirkungsort erwartete?

Bis zu Ansgars Ankunft dürfte es sich um eine unbedeutende kleine Siedlung gehandelt haben.

Die sächsischen Stammesgebiete im 9. Jahrhundert

Bis zu Ansgars Ankunft dürfte es sich um eine unbedeutende kleine Siedlung gehandelt haben. Bekannt ist, dass die Burg zu dem Zeitpunkt eine Wallgrabenanlage von 65 Meter Durchmesser war und etwa 200 bis 300 Einwohner in Burg und Vorsiedlung lebten. Nicht besonders repräsentativ, könnte man sagen. Aber warum wählte man diesen Ort aus?

Karl der Große hatte damals nicht Hammaburg im Blick, als er seine Missionierung und Eroberung im Norden vorantreiben wollte. Er hatte eine Festung bei Itzehoe auserkoren: die Burg Esesfelth. Diese ließ er vom dortigen, von ihm eingesetzten fränkischen Statthalter Egbert ausbauen, denn man brauchte eine sichere Festung gegen die Wikinger.

Der Standort Esesfelth gedieh. Der mächtige Bischof Ebo von Reims war für ihn zuständig und kam hier seiner Aufgabe als Missionar des Nordens nach – bis er eines Tages übermütig wurde und gegen den regierenden Sohn Karls des Großen, Ludwig den Frommen, rebellierte. Ein schwerer Kampf folgte – die drei älteren Söhne Ludwigs zogen gegen ihren Vater zu Felde. Zwischenzeitlich wurde Ludwig eingekerkert und musste schließlich abdanken. Doch das war noch nicht das Ende. Ludwig setzte sich durch und wurde 834 wieder als Kaiser eingesetzt. 

Ludwig beendete die Unterstützung für Esesfelth und gab schließlich die Leitung der Mission im Norden an Ansgar. Der einst mächtige Ebo wurde versetzt und beendete seine Karriere als Bischof von Hildesheim. 

Skulptur des heiligen Ansgar, um 1480; Hamburg, Hauptkirche Sankt-Petri
Die Holzskulptur stammt aus der Werkstatt des Lübecker Künstlers Bernt Notke und stand ursprünglich im Marien-Dom. Seit 1849 befindet sie sich in der Sankt-Petri-Kirche. Ansgar ist hier als älterer Mann mit allen Insignien der Bischofswürde dargestellt. Er trägt ein Kirchenmodell, das den von ihm begründeten Hamburger Dom repräsentieren soll.

Ob der Missionar ahnte, was ihn an seinem neuen Wirkungsort erwartete?

Nun musste man einen neuen Standort finden, der an der nördlichen Grenze des Frankenreichs einen sicheren Stützpunkt für die Mission bot. Wohin könnte man ausweichen? Der Ort musste strategisch ähnlich günstig sein, weiter südlich gelegen und besser zu erschließen…

Esesfelth lag relativ weit im Inland am Fluss Stör, während Hammaburg an der Alster, ganz nahe der Elbe lag und so natürlich vom Meer aus schnell erreichbar war. Es war also Ludwig der Fromme – nicht Karl der Große – der über Hamburgs Schicksal entschied. Er war es, der den Entschluss fasste, das unbekannte und fast mickrige Hammaburg auszubauen. Zu dieser Zeit wurde es regiert von einem Graf namens Bernhard, der den Auftrag erhielt, die Siedlung zu erweitern.

Geburtsstunde der Hammaburg

Auf Grund der bis dahin mäßigen Bedeutung der Siedlung auf dem Geestsporn, lässt sich die offizielle Geburtsstunde Hammaburgs also erst mit der Ankunft Ansgars sicher belegen – auch wenn diese keineswegs so ausgesehen haben mag, wie es das monumentale Wandgemälde des Malers Hugo Vogel im Großen Festsaal des Hamburger Rathauses zeigt.

Ansgar wurde im französischen Kloster Corbie erzogen und stieg später zum Leiter der Klosterschule des neuen Klosters Corvey auf. Bereits als junger Mann mit Mitte zwanzig hatte er Missionsdelegationen nach Dänemark und Schweden begleitet. Darunter die Entsendung des frisch getauften dänischen Thronanwärters Harald Klak durch Ludwig den Frommen. Harald hatte jedoch keinen Erfolg und erst später, um 850, ließ ein dänischer Herrscher, Horik I., Ansgar eine Kirche in Haithabu bauen.

Ansgar genoss das Vertrauen von Ludwig dem Frommen, er hatte sich durch seine bisherigen Missionsreisen verdient gemacht. So bekam er im Jahre 831 seinen ersten eigenen Auftrag: Kaiser Ludwig rief ihn ins Frankenreich und betraute ihn mit der Mission des Nordens. Als sein neuer Wirkungsort sollte die Hammaburg im äußersten Norden des Reiches dienen. Mit diesem wichtigen Auftrag traf er dann 834 in der Siedlung auf dem Geestsporn ein.

Nicht nur die Bekehrung der Sachsen gehörte zu Ansgars Aufgaben, auch die Mission Richtung Skandinavien sollte er vorantreiben.

Kreuzanhänger 950–1000; Hamburg, Große Reichenstraße

Ansgars neuer Sitz war sehr bescheiden, trotzdem verbrachte er elf Jahre überwiegend hier. Er war bereits erfahren in der Mission von Heiden und sollte die Christianisierung des Nordens fortsetzen, die unter Karl dem Großen begonnen hatte.

Unter Ansgars Leitung errichtete man die erste Marien-Kirche. Ihr Standort wird außerhalb des Hammaburg-Walles vermutet, da bisher keine Funde im Inneren des Walls gemacht wurden, die auf einen Kirchenbau schließen lassen, wie beispielsweise ein Friedhof. Die Konstruktion wird ein einfacher Holzbau gewesen sein, wie auch der Rest der Siedlung. Mehr eine Hütte, ohne hohen Turm, vielleicht mit einem Tisch als Altar und einigen Bänken. Auch wenn während der mittelalterlichen Gottesdienste oft gestanden wurde.

Von Ansgars ersten religiösen Erfolgen künden Schmuckstücke, die man auf dem Domplatz fand: ein Kruzifix aus Knochen und eine kreuzförmige Brosche mit Glasperlendekoration. Sie sind ein Beweis dafür, dass sich die ersten Christen Hammaburgs zu ihrem Glauben bekennen wollten. Doch nicht nur die bereits weit gediehene Bekehrung der Sachsen gehörte zu Ansgars Aufgaben, auch die Mission Richtung Skandinavien sollte er vorantreiben. Dabei ging es nicht zuletzt auch um Macht und Einfluss.

Sachsen, Dänen und Schweden sollten auch kooperative Vasallen der Franken werden. Man muss davon ausgehen, dass Ansgar Hammaburg als Stützpunkt nutze, jedoch auch viel Zeit auf Reisen verbrachte und durch seine Schüler vertreten wurde. Wie später mit dem ottonisch-salischen Reichskirchentum festigte bereits die damalige Herrschaft ihren Einfluss über die Kirchenleute.

Flucht vor den Wikingern

Sie kamen mit dem Hochwasser am Abend: Im Jahr 845 erreichten die Wikinger mit zahlreichen Schiffen die Alstermündung und die Burg. Sie raubten, was von Wert war, blieben einen vollen Tag und brannten alles nieder. Am darauffolgenden Morgen segelten sie bereits wieder davon. So beschreiben es die Schriften von Ansgars Biografen Rimbert.

“Aber während Diözese und Mission sich lobenswert und gottgefällig entwickelten, tauchten ganz unerwartet wikingische Seeräuber mit ihren Schiffen vor Hamburg auf und schlossen es ein […]
…Die Heiden griffen an; schon war die Burg umringt; da erkannte er [Ansgar] sich zur Verteidigung außerstande, und nun sann er nur noch auf Rettung der ihm anvertrauten heiligen Reliquien; seine Geistlichen zerstreuten sich auf der Flucht nach allen Seiten, er selbst entrann ohne Kutte nur mit größter Mühe. Auch die Bevölkerung, die aus der Burg entrinnen konnte, irrte flüchtend umher; die meisten entkamen, einige wurden gefangen, sehr viele erschlagen.
Nach der Einnahme plünderten die Feinde die Burg und den benachbarten Wik gründlich aus; am Abend waren sie erschienen; die Nacht, den folgenden Tag und noch eine Nacht blieben sie da. Nach gründlicher Plünderung und Brandschatzung verschwanden sie wieder. Da wurde die unter Leitung des Herrn Bischofs errichtete kunstreiche Kirche und der prächtige Klosterbau von den Flammen verzehrt.” (Vita Anskarii, Kap. 16)

Hütten brennen, Geschrei, das metallische Geräusch von Schwertern, die aufeinander schlagen. Es riecht nach Rauch in der nass-kalten Abendluft. Wer kann, flieht – so auch Ansgar. Ausgerechnet in dieser Nacht ist der Missionar unbewacht vor Ort. Denn der ansässige Graf Bernhard mit seiner Gefolgschaft ist abwesend, daher ist an Verteidigung nicht wirklich zu denken. Die wehrlose Burg wird eingenommen.

Quellen wie die Vita Anskarii und die Hamburg-Bremer Kirchengeschichte schildern eindringlich, wie die dänischen Kämpfer die wehrlose Burg überrennen. Doch ist der Angriff der Wikinger auch archäologisch nachweisbar? Bei einem solchen Überfall wäre ein Brandhorizont zu erwarten, der sich auf das gesamte Siedlungsgebiet erstrecken müsste. Bei den Ausgrabungen fanden sich aber nur wenige Brandspuren, wie Holzkohleschüttungen, Lehmbrandreste und feuergeschwärzte Steine – die jedoch von den Feuerstellen der Wohnhäuser stammen dürften.

Das Leben geht weiter

Für das kleine Hammaburg hätte dieser Tag beinahe das Aus bedeutet – auch wenn die historischen Quellen die Ereignisse übertrieben haben mögen. Doch wie wir durch die Archäologie wissen, blieb Hammaburg nach dem Überfall nicht wüst und leer. Indizien wie Keramikscherben Hamburger Machart an anderen Fundorten (wie Schmeessen am Süntel) deuten zwar darauf, dass einige Hamburger sich dauerhaft einen neuen Ort zum Leben suchten. Doch auch auf dem Gelände der Burg ging das Leben nach einer Zeit der Erholung weiter.

Für das kleine Hammaburg hätte dieser Tag beinahe das Aus bedeutet.

Vielleicht kamen die Geflüchteten zurück, vielleicht sind es neue Bewohner gewesen. Jedenfalls zeigen die archäologischen Befunde, dass der nun nutzlose Wehrgraben zugeschüttet wurde und darauf kleine Hütten entstanden. Das wissen wir durch Funde von Feuerstellen, die mit Feldsteinen befestigt als Herdstellen genutzt wurden, an denen Menschen gekocht und sich gewärmt haben. Die Siedlung existierte also in kleinem Rahmen weiter. Den Zeitpunkt, an dem man den Ringgraben aufgefüllt hat, können Archäologen recht gut auf das Jahr 850 datieren, fünf Jahre nach dem Überfall.

Ab diesem Zeitpunkt verschwand das kleine Hammaburg vorerst von der überregionalen politischen Bühne. Ansgar, der Leiter der Marienkirche und Hauptgeistliche, war fort. Man kann davon ausgehen, dass der hölzerne Kirchenbau dem Überfall zum Opfer gefallen ist und selbst, wenn nicht – es fehlte ein Geistlicher um den Ort zu bespielen. 

Ansgar flüchtete über den Ort Ramelsloh im Landkreis Harburg, um schließlich in Bremen anzukommen. Bei sich hatte er nur noch wenige der wertvollen Reliquien. Wie es der Zufall so will ergab sich in Bremen bald eine neue Stellung für ihn: der Bremer Bischof Leuderich verstarb und der verdiente Missionar trat seine Nachfolge an.

Man kann sich dies heutzutage nur schwer vorstellen, aber diese Beförderung ist der Auslöser eines jahrelangen Streits, von Urkundenfälschungen und der Kuriosität des Doppelbistums Hamburg-Bremen. Ansgar erhielt den kirchlichen Anspruch auf Hammaburg aufrecht, wollte sich als Missionsbischof, besser noch als Erzbischof, für den ganzen Norden etablieren. Die politischen Verhältnisse hatten sich allerdings in den letzten Jahren geändert. Die Söhne Ludwigs des Frommen hatten 843 in der Reichsteilung von Verdun das Frankenreich in drei Teile aufgespalten. Das Bistum Bremen war bis dahin dem Erzbistum Köln als Suffraganbistum untergeordnet, lag aber nun in einem anderen Reich.

Geschichtsschreibung mit Absichten

Nun saßen die mächtigen Kölner in einem anderen Land, im Reich von Lothar I. Bremen wiederum lag im Gebiet Ludwigs des Deutschen und war nun gar nicht mehr gewillt, sich Köln unterzuordnen. Durch den Anspruch auf Hammaburg als Stützpunkt und damit die Mission des ganzen Nordens, wertete sich Bremen auf. Ein eigenes, unabhängiges Erzbistum sollte es sein und das seit den Zeiten des Großen Karls. Daran arbeiteten Ansgar und seine Nachfolger, auch wenn sie dafür ein wenig Geschichtsklitterung betreiben mussten.

Plötzlich Erzbistum

Da stimmt doch irgendetwas nicht: Ein Blick in die Urkunden bezeugt, dass Hammaburg bereits in den 830ern ein Erzbistum gewesen sein soll.  Aber hätte man ein Bistum wirklich brach liegen lassen nach einem Wikingerüberfall?

Schon die Datierung der Urkunden sollte stutzig machen. Am 15. Mai 834 beurkundet Ludwig der Fromme die Weihe und Entsendung Ansgars, seine Belehnung mit dem Kloster Torhout und die Einrichtung des Erzbistums Hammaburg. Bestätigt 831/832 von Papst Gregor IV. Zwei Jahre also vor der Entsendung? Ungewöhnlich! 

 

Diese Urkunden sind auch heute noch brisant, denn sie machten die kleine Burg im Norden des Frankenreiches zum eigenständigen Erzbistum und ermöglichten es den Hamburgern, jeden Einfluss anderer Kirchenmänner abzuwehren. Das war durchaus nötig (und Absicht), denn der mächtige Kölner-Erzsitz beanspruchte die Verfügungsgewalt und damit auch die Zehntzahlungen aus Hamburg-Bremen. Damit verbunden waren auch die Einnahmen aus dem nordelbischen und sogar skandinavischen Raum. Bremen war zum Zeitpunkt, als die Urkunden angeblich ausgestellt wurden, ein Köln untergeordnetes Suffraganbistum – ein Tochter- oder Unter-Bistum könnte man sagen.

 

Später änderte sich die politische Lage durch die Reichsteilung von Verdun 843. Bremen lag nun in einem anderen Reich als Köln und wollte unabhängig agieren und den Einfluss auf die neu missionierten Gebiete in Skandinavien selbst ausüben. Da kam der angebliche Erzbistumsstatus des assoziierten Hammaburg gerade recht. Als Doppelbistum mit einem althergebrachten  Erzbistum mit unanfechtbarem, offiziellem Missionsauftrag nach Norden hatte Hamburg-Bremen eine ganz andere reichspolitische Relevanz.

Schon die Datierung der Urkunden sollte stutzig machen. Es ist recht unwahrscheinlich, dass Ansgar zu Lebzeiten selbst zum Fälscher der Geschichte wurde. Jedoch sollte man erwähnen, dass in seinem Heimatkloster Corbie Urkundenfälschung kein Fremdwort war. Historiker gehen eher davon aus, dass eine spätere, nur teilweise Verfälschung der Urkunde am wahrscheinlichsten ist. Die Entsendung eines Missionars, auch mit Bestätigung durch den Papst und mit Belehnung mit Ländereien zur Finanzierung und zum Rückzug war für diese Zeit nichts Ungewöhnliches.

Die Urkunden wurden nachträglich um das Prädikat „Erzbistum des Nordens, geplant von Karl dem Großen“ erweitert.

Auch Bonifatius und Ebo von Reims wurden so für ihren Dienst als Missionsbischöfe ausgestattet. Für den Priester Heridag, den noch Karl der Große nach Nordelbien gesandt hatte, galt dies ebenfalls. So ist anzunehmen, dass die Urkunden ursprünglich mit diesem Inhalt – Missionslegat und Belehnung mit Torhout – verfasst, dann aber für die Abschrift in der Vita Anskarii um das Prädikat „Erzbistum des Nordens, geplant bereits von Karl dem Großen“, erweitert wurden. Dafür weicht der übliche Urkundenstil ab und übernimmt sogar Passagen, die auf dem Heiligenleben basieren.

 

Heiligenleben, auch Heiligenviten genannt, sind Lebensbeschreibungen heiliger Personen. Ähnlich einer Biografie beschreiben sie den Lebenslauf bekannter Persönlichkeiten, die als religiöses Vorbild dienen und verehrt werden sollen. Die Wissenschaft von den Heiligenleben nennt sich Hagiographie. Hagiographische Quellen sind Texte oder materielle Überreste, die über das irdische Leben der Heiligen, ihren Kult und die von ihnen (oder ihren Reliquien) bewirkten Wunder Auskunft geben.

 

Der Papst als Schiedsrichter

Dem Kölner Erzbischof gefiel Hamburg-Bremens eigenmächtige Aufwertung wenig. Trotz der Reichsteilung wollte man den Anspruch auf Bremen nicht aufgeben. Der Streit eskalierte, sodass schließlich Papst Formosus eingreifen musste und zum Schiedsrichter wurde. Abgesandte aus Hamburg, Bremen und Köln reisten nach Rom und legten dort ihre Dokumente vor. Für den Papst waren diese Beweis genug und er zweifelte nicht an der Glaubwürdigkeit der Hamburger und Bremer. Köln zog somit im Jahre 893 endgültig den Kürzeren. Es galt: Hammaburg ist das Erzbistum des Nordens.

Um 900 entsteht die deutlich größere Hammaburg III an gleicher Stelle.

Auch die archäologischen Erkenntnisse lassen auf die offizielle Anerkennung des Erzbistums Hammaburg schließen. Nur ein solches Ereignis kann erklären, warum gegen Ende des 9. Jahrhunderts in Hamburg ein regelrechter Bauboom ausbricht. An einem Ort, der fast ein halbes Jahrhundert in Vergessenheit geraten und nur locker besiedelt gewesen war.

Um 900 entsteht die deutlich größere Hammaburg III an gleicher Stelle wie ihre zwei Vorgängerinnen. Sie misst etwa 85 x 95 m. Aus dieser Zeit sind erstmals auch Häuser im Inneren der Wallanlage nachweisbar.

Die Siedlung wächst, es wird gehandelt und neu gebaut.

Ein Erzbistum konnte eine seit dem Wikingerüberfall zerstörte Kirche und Burg nicht so stehen lassen: ein neuer Kirchenbau musste her und auch Wall und Graben wurden ausgebaut. Wo genau die Kirche damals entstand, bleibt bis heute unklar. Aber es wäre durchaus ein guter Zeitpunkt für eine Verlegung in die Siedlung hinein gewesen. Man geht davon aus, dass Ansgars Kirche noch außerhalb der Burg, vielleicht unter St. Petri, stand. Bei den Ausgrabungen am Domplatz, auf dem Gelände der Hammaburg, fand man allerdings nur erste Belege für den Holzdom Bischof Unwans aus dem 11. Jahrhundert.

 

In der Zeit um das Jahr 900 ist ein beachtliches Wachstum der Siedlung Hammaburg zu verzeichnen. Neben dem Ausbau der Burg entwickeln sich auch eine Händlersiedlung und ein Hafen. Auf der Reichenstraßeninsel entstehen erstmals Häuser. Der Schlüssel zum namensgebenden Reichtum liegt im Handel über den Fernhandelsweg durch die Alsterfurt und über den Hafen. Am heutigen Alten Fischmarkt, dem ersten Marktplatz der Stadt, floriert das Geschäft.

Bauboom in Hammaburg

Um 1020 verschwindet die Hammaburg und die Neue Burg wird errichtet. Es scheint als wäre die Siedlung für ihre Einwohnerzahl und den Grafenhof zu klein geworden. Auch sitzt die Kirche mittlerweile im Dorf und beansprucht mehr Platz. Die Lösung dieses Problems ist ganz einfach, hat jedoch Historiker und Archäologen jahrzehntelang verwirrt.

Die Quellen sprechen von einer Nachfolgeburg der Hammaburg, die unter den Billunger Grafen Bernhard II. oder Ordulf gebaut worden sein soll. Es werden die Bezeichnungen Neue Burg und Alsterburg verwendet. Die genaue Lage und Beschaffenheit dieser Burg(en) blieb aber lange ungeklärt. Der Standort der Neuen Burg am heutigen Hopfenmarkt ist durch den Straßennamen überliefert, doch die Alsterburg wurde an den verschiedensten Orten der Altstadt vermutet.

Eine Theorie ist, dass sie sich unter dem heutigen Rathaus befunden hat. Hier entdeckte man bei Bauarbeiten Steinfundamente, die man fälschlicherweise dem Grafensitz zuschrieb, obwohl sie aus späterer Zeit stammten. Aus den schriftlichen Quellen ergab sich ein Missverständnis: Adam von Bremen erwähnt ein steinernes Haus des Bischofs und auch der Graf baute  zur gleichen Zeit. So wurde auch seine neue Burg als Steingebäude interpretiert:

“Dort hatten ja Erzbischof Unwan und mit Ihm Herzog Bernhard nach der […] Zerstörung durch die Slawen eine stattliche Burg aus den Ruinen der alten Anlage aufgeführt und den Dom errichtet sowie Wohngebäude ganz aus Holz.
Bischof Alebrand aber hielt wegen der Schwäche des Ortes einen stärkeren Schutz gegen die häufigen Überfälle der Feinde für notwendig und ließ als erstes vor allem die zu Ehren der Gottesmutter erbaute Kirche aus Quadersteinen aufführen.
Dann errichtete er für sich ein zweites steinernes Gebäude mit sehr festen Türmen und Bollwerken. Dadurch aber sah sich der Herzog veranlasst, es diesem Bauwerk gleichzutun und ebenfalls für die Seinen im selben Burgbezirk ein Haus zu errichten. So stand nach dem Wiederaufbau des Ortes auf der einen Seite des Domes die Bischofspfalz, auf der anderen die Hofburg des Herzogs.” (Adam von Bremen, Buch II, Kap. 70)

Die größte Baustelle in Norddeutschland zieht Handwerker und Reichtum an.

Erst die Ausgrabungen am Hopfenmarkt im Jahr 2014/15 brachten Gewissheit: Dank guter Holzerhaltung kann die Neue Burg auf die frühen 1020er Jahre datiert werden. Also wurde sie bereits durch Graf Bernhard II. Billung gebaut. Damit gehört die Alsterburg wohl ins Reich der Legenden bzw. meint eben diese Neue Burg, die direkte Nachfolge-Anlage der Hammaburg. Die Schriftquellen erzählen, dass der Graf die Hammaburg dem Bischof überließ  und für sich und die Seinen in einer Alsterschleife einen neuen Sitz errichtete.

 

Diese ungewöhnliche Übereignung der alten Burg kann nur zu einer Zeit geschehen sein, als Graf und Bischof sich gut verstanden und zusammen an der Entwicklung des Standorts Hammaburg arbeiteten. Das passt sehr gut auf Bernhard und Unwan – die beiden waren verschwägert. Spätere Bischöfe verstanden sich weniger gut mit den Billunger Grafen, die um 1100 ausstarben und durch die Schauenburger ersetzt wurden. Zeitgleich mit dem aufwendigen Bau der Neuen Burg, einer Holz-Erde-Befestigung nach slawischer bzw. sächsischer Bauweise, wird die Hammaburg eingeebnet.

 

Der Bischof wiederum sicherte den Dombezirk durch einen Wall nach Osten gegen die Slawen. Der sogenannte Heidenwall erstreckte sich über den ganzen Geestsporn von Norden nach Süden. Diese Baumaßnahmen zogen massenweise Handwerker und Material nach Hamburg. Es handelte sich um die größte Baustelle Norddeutschlands in dieser Zeit. Spätestens jetzt war Hamburg zum wichtigsten Zentralort der Region aufgestiegen.

 

Diese Stellung konnte die Siedlung an der Alster in den nächsten Jahrhunderten festigen und ausbauen: Auf dem Gelände der Neuen Burg entstand ab 1186 unter dem Grafen Adolf III. von Schauenburg die Kaufmannssiedlung mit Alsterhafen am Nikolaifleet, die in der Hansezeit zur Blüte gelangte. Aus dieser Keimzelle entwickelte sich der um 1900 größte Hafen der Welt und die Metropole Hamburg, wie wir sie heute kennen. Der Rest ist Geschichte.

 

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Diese Webstory entstand im Rahmen des Projekts „SmartSquare“. Im Verbund mit dem CityScienceLab der HCU und e.Culture.info testet das Archäologische Museum Hamburg die Potenziale digitaler Wissensvermittlung.

 

Neben einer digitalen Infostele am Hamburger Domplatz – dort wo einst die Hammaburg stand – können Interessierte die Entstehungsgeschichte Hamburgs vor Ort, unterwegs oder von zu Hause durch vielfältige smarte Angebote entdecken. Eine Möglichkeit dafür ist der HammaBot, ein Chatbot, der durch künstliche Intelligenz zu einem Schnack über die Archäologie einlädt.

 

Wem Sound lieber ist, der kann sich an fünf Stationen mit der Audio-Tour über die vielen historischen Geschehnisse am Domplatz informieren.

 

Für diejenigen, die einfach nur visuell ins Mittelalter abtauchen wollen, empfehlen wir einen Blick auf Google Streetview. Dort finden Sie auf dem Domplatz in Hamburg eindrucksvolle 360°-Visualisierungen, die man sich auch gut mit einem Cardboard oder anderen VR-Headset ansehen kann.

 

Projektleitung
Anais Wiedenhöfer, Archäologisches Museum Hamburg

Redaktionelle Mitarbeit
Kerstin Tolkiehn

Umsetzung
2470.media

Design & Development

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