Neue Urnen von einem altbekannten Fundplatz

Anfang Februar begleitete das Museum Bauarbeiten für einen Neubau in Appel im Ortsteil Eversen Heide. Anlass dafür war, dass in der Gegend seit den 1930er Jahren, seitdem das ehemalige Heideland zu Bauland umgewandelt wurde, immer wieder einmal Gräber der jüngeren Bronzezeit (1200-600 v. Chr.) entdeckt worden waren. Offenbar liegt hier ein sogenannter Urnenfriedhof, benannt nach der für diese Epoche typischen Sitte, die Verstorbenen zu verbrennen und den aus dem Scheiterhaufen ausgelesenen „Leichenbrand“ (die in kleine Stückchen zerbrochenen Knochen) in Tongefäßen beizusetzen. Wie groß der Urnenfriedhof ursprünglich gewesen ist, ist unbekannt, denn das Museum hat damals keine systematischen Ausgrabungen durchführen können. Nachdem die erste Erschließungswelle in den 1950er Jahren beendet war, endeten auch die archäologischen Entdeckungen. Seit Kurzem erfolgt hier jedoch eine Nachverdichtung der Besiedlung und postwendend kamen nun also neue Gräber ans Tageslicht. Bei der jetzigen Baumaßnahme legten die Mitarbeiter der Kreisarchäologie drei Urnen frei, die, in einem Abstand von rund 5 m zueinander, in Steinsetzungen gestanden hatten, wie es in dieser Epoche typisch ist. Die leider nur sehr weich gebrannten Tongefäße waren zwar durch die Steinpackungen geschützt, begannen jedoch trotzdem noch während der Bergung zu zerbrechen, ein altbekanntes Phänomen, das durch die Trocknung, Temperaturänderung und Druckentlastung entsteht. Die Urnen wurden daher vor Ort in Mullbinden eingewickelt und erst im Museum entleert. Grabbeigaben fanden sich in den generell fast immer sehr arm ausgestatteten Gräbern nicht – mit einer Ausnahme: einem kleinen bronzenen Stift mit Spitze und breitgehämmertem Ende, bei dem es sich entweder um das Bruchstück einer Schmucknadel oder einen Pfriem handelt. Durch die Verbrennung auf dem Scheiterhaufen lässt sich das nicht mehr zweifelsfrei bestimmen. Demnächst stehen noch weitere Baumaßnahmen in dem Gebiet an, man darf gespannt sein, ob auch dann wieder Gräber der Bronzezeit ans Tageslicht befördert werden.


Fund des Monats: Rätselhaftes Objekt

Unser Fund des Monats kommt diesmal aus dem Magazin und wurde dem Museum 1938 von der Borsteler Schule in Winsen (Luhe) geschenkt. Woher er genau stammt und wer ihn wo gefunden hat, ist unbekannt. Es handelt sich um eine allseitig in Form gepickte und geschliffene Felsgesteinkugel oder -scheibe mit einem Durchmesser von gut 10 cm. Entlang des „Äquators“ verläuft eine Rille, außerdem sind die beiden „Pole“ in Form flacher Schälchen hohl geschliffen worden. Funde dieser Art sind selten, das Museum hat immerhin fünf davon in seinem Bestand. Diese Steingeräte sind bislang chronologisch nur schwer einzuordnen. In Anlehnung an sog. Schälchen- und Rillensteine werden sie in die Stein- und Bronzezeit datiert (4000-1200 v. Chr.), in Fleestedt soll eines in der Steinpackung einer jungbronzezeitlichen Urne gelegen haben (die Überlieferung ist aber ziemlich unsicher).

Rätselhaft ist, wozu man das Objekt benutzt hat. Bei der Inventarisierung hat man den Fund als „Keulenkopf mit Schaftrille“ verzeichnet, die anderen Funde aus dem Bestand als Keulenkopf. Das trifft aber wohl nicht den Kern der Sache, denn es ist doch sehr fraglich, wie man solch einen Keulenkopf in einen Stiel hätte einpassen sollen. Womöglich haben die Archäologen seinerzeit geglaubt, es handle sich um ein Halbfabrikat, und man hätte eigentlich eine durchgehende Bohrung herstellen wollen, wie man dies bei steinzeitlichen Felsgesteinäxten und echten Keulenköpfen der Steinzeit häufig beobachten kann. Funde wie die Borsteler „Schaftrillenkeule“ sehen aber mehr oder wenig gleich aus und sind auch näherungsweise gleich groß (die Durchmesser unserer Exemplare liegen zwischen 8 und 12 cm), so dass wir doch davon ausgehen müssen, dass die Menschen damals ganz bewusst diese Form hergestellt haben. „Keulenköpfe“ können ein Gewicht von 1-2 kg haben, was sie in einem längeren Kampf vermutlich viel zu schwer und kaum handhabbar gemacht hätte. Welche Funktion mögen diese besonderen Steine dereinst also gehabt haben? Ein Exemplar aus Moisburg ist schon mal als Netzsenker bezeichnet worden. Der Fantasie sind mangels sicherer Fundumstände wohl keine Grenzen gesetzt. Das Archäologische Museum Hamburg freut sich daher, wenn Sie sich am Rätselraten beteiligen und auf Facebook oder Twitter Vorschläge machen, wie dieses Objekt genutzt worden sein könnte.

 


Fund des Monats: Fibel und Münzen aus Elstorf

Über zehn Jahre lang hat das Archäologische Museum Hamburg Ausgrabungen auf einem frühmittelalterlichen Gräberfeld bei Neu Wulmstorf-Elstorf im Landkreis Harburg durchgeführt. In einem der Gräber kam dabei ein Kleinod zutage: eine reich verzierte Gewandspange aus vergoldeter Bronze. Der ganze Fundblock wurde auf der Grabung eingegipst und ins Museum gebracht. Er konnte nun im Rahmen eines Forschungsprojektes des Archäologischen Museums Hamburg zusammen mit dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz geöffnet und die Funde konnten restauriert werden. Herausgekommen ist ein wahrer Schatz: eine fast 10 cm lange Gewandspange aus Bronze, die auf der Oberseite feuervergoldet und mit Einlagen aus farbigem Glas reich versehen ist. Fibeln dieser Qualität sind eine Seltenheit, und dieses besondere Exemplar sogar womöglich in seinem Stil einzigartig.

Die Frau, der diese Fibel gehörte, verstarb in der Zeit zwischen 820 und 850. Das ergibt sich aus einer silbernen Münze, die die Archäologen des Museums in dem Grab fanden. Bei dieser handelt es sich um einen fränkischen Denar, der nach der Umschrift als „christiana religio-Denar“ benannt ist. Diese Münzen wurden während der Regentschaft des fränkischen Kaisers Ludwigs des Frommen geprägt und gelangten ganz vereinzelt bis nach Norddeutschland. Hierzulande dienten die Münzen aber wohl noch nicht als Geld, sondern eher als Anhänger oder Amulett. Das auf einer Seite dargestellte Kreuz könnte die Trägerin als frühe Christin ausgewiesen haben.
Die übrigen Grabbeigaben der Frau, ein Messer, eine Nadelröhrchen zum Aufbewahren von Nähnadeln und eine Perlenkette, gehören zu dem typischen Beigabenspektrum einer Frau dieser Epoche. Die Fibel und die Münze hingegen sollten bis ins Grab hinein verdeutlichen, dass die Verstorbene zur besseren Gesellschaft des kleinen Dorfes gehörte, das seine Toten in Elstorf bestattete. Dass man es dabei mit dem christlichen Glauben – der nach strenger Auslegung eine beigabenlose Beisetzung forderte – nicht sonderlich ernst nahm, dürfte dafür sprechen, dass es mit der Durchsetzung der neuen Religion, die in Norddeutschland erst im Zuge der fränkischen Eroberung rund 50 Jahre zuvor eingeführte worden war, noch nicht allzu weit her war.
Der Fund ist also ein ganz außergewöhnliches Ensemble, und zwar nicht nur im Zuständigkeitsbereich unseres Museum. Da uns keine vergleichbaren Gewandspangen bekannt sind, wird es spannend sein, seine Herkunft zu ermitteln, die Untersuchungen dazu haben aber gerade erst begonnen.


Fund des Monats: Bügelknopffibel

Frisch aus der Restaurierungswerkstatt kommt diese kleine bronzene Fibel. Gefunden hat sie Ole Uecker, ein ehrenamtlicher Detektorgänger des Museums, auf einem Kartoffelacker in Nenndorf im Landkreis Harburg. Herr Uecker suchte den Acker im Auftrag des Museums nach archäologischen Funden ab, weil hier eine sogenannte „Steinrodung“ durchgeführt worden war, ein landwirtschaftliches Verfahren, um einen Acker tiefgründig von allen Feldsteinen zu befreien. Leider werden bei diesem Verfahren auch archäologische Fundplätze stark in Mitleidenschaft gezogen, und da von diesem Acker bekannt war, dass sich dort eine ca. 1700 Jahre alte Siedlung befindet, war nach der Kartoffelernte dringend eine Nachsuche notwendig. Bei der Entdeckung der Fibel kam dann aber gar kein Metalldetektor zum Einsatz, denn sie lag an der Erdoberfläche in einer Ackerfurche. Gutes Auge, Herr Uecker!

Die Fibel ist, abgesehen von der abgebrochenen Spirale und Nadel, sehr gut erhalten. Der Bügel ist mit mehreren Kreisaugen und am oberen Rand mit kleinen Punkten verziert, am Kopf sitzt ein ehemals wohl polyedrischer Knopf. Nach diesem werden Fibeln dieser Art als Bügelknopffibeln bezeichnet. Verbreitet in ganz Deutschland, sind sie doch typisch für Norddeutschland, insbesondere für Holstein und das westliche Mecklenburg. Sie stammen aus dem 4. oder frühen 5. Jahrhundert. Als Vorbild dienten römische Legionärsfibeln, die Germanen machten aus der Vorlage aber ein Schmuckstück, das von Männern und Frauen getragen wurde.

 


Fund des Monats: Perle aus Bernstein

Bei dem guten Wetter (zumindest für Hamburger Verhältnisse) sind unsere Archäologen fleißig am Ausgraben. Aktuell wird die ehemalige Cremon-Insel in der Altstadt untersucht, genauer gesagt die Gegend zwischen Katharinenfleet und Bei den Mühren. Unter Gebäuden und dem Kopfsteinpflaster des 19. Jahrhunderts haben sich Archäologe Kay-Peter Suchowa und sein Team bisher bis ins 16. Jahrhundert gegraben. Die Ausgrabung wird noch bis November andauern.

Aus einer Mistschicht des 15./16. Jahrhunderts konnte eine durchbohrte Bernsteinperle mit 1 cm Durchmesser und abgeflachten Seiten geborgen werden. Ob es sich dabei um eine Paternosterperle oder eine Schmuckperle handelt, bleibt fraglich. Als begehrtes und wertvolles Gut wurde Bernstein seit der Steinzeit gehandelt.


Fund des Monats: Holzkastenbrunnen

Auf den Spuren von Erzbischof Ansgar: Ausgrabung in Ramelsloh

Gut erhaltene Reste eines Holzkastenbrunnens geborgen

In der vergangenen Woche konnte das Archäologische Museum Hamburg eine archäologische Ausgrabung erfolgreich abschließen, die sich u.a. mit den Spuren des Hamburger Missionars Ansgar beschäftigt hat. Die Grabung wurde in Zusammenarbeit mit dem Landkreis Harburg und der Grabungsfirma ArchON Bock & Höppner auf dem Grundstück einer alten Gärtnerei in Ramelsloh durchgeführt. Im Rahmen von Abrissarbeiten waren dort archäologische Spuren zu Tage getreten. Es handelte sich um Baubefunde aus der Zeit des 8./9. Jahrhunderts sowie des 14./15. Jahrhunderts.

 

Zum Abschluss der Grabung konnten die Archäologen noch die sehr gut erhaltenen Reste eines Holzkastenbrunnens freilegen. „Von größtem Interesse sind für uns vor allem die frühen Funde, da hier erstmals die Möglichkeit besteht, archäologisch in die Gründungszeit Ramelslohs vor rund 1200 Jahren vorzudringen“, sagt Kreisarchäologe Dr. Jochen Brandt. Die erste historische Erwähnung Ramelslohs datiert aus dem Jahr 845, als der Hamburger Erzbischof Ansgar vor einem Wikingerangriff aus Hamburg flüchten musste und zeitweilig in Ramelsloh Unterschlupf fand. Etliche der jetzt gefundenen Baustrukturen, darunter auch der Keller eines Hauses, könnten aus dieser Zeit stammen. Die Archäologen werden die Funde nun weiter auswerten. Das Grundstück, auf dem ausgegraben wurde, gehörte zum Stift Ramelsloh und beherbergte über lange Zeit, mindestens seit 1601, eine sogenannte Kurie, das Wohnhaus eines Stiftsangehörigen, das ab 1612 zugleich als Dorfschule diente. „Dass hier überhaupt Bebauungsspuren erhalten geblieben sind, grenzt schon an ein Wunder“, so Brandt, „denn das Grundstück ist in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder überbaut worden.“

Nachtrag: Interessante Auswertungen zur Grabung in Ramelsloh!
Der Brunnen aus Ramelsloh im Landkreis Harburg, den wir zusammen mit der Grabungsfirma ArchON Bock & Höppner auf dem Grundstück einer alten Gärtnerei des Stifts Ramelsloh im Juni ausgegraben haben, hat dank der Analyse von Dr. K.-U. Heußner vom Deutschen Archäologischen Institut in Berlin eine jahrgenaue Datierung geliefert. Er wurde im Winter 1351/1352 errichtet. Dieses Datum passt sehr gut in den Zeithorizont, in dem der Großteil der Vikarien des Stifts Ramelsloh eingerichtet worden ist. Das ist das erste dingliche Zeugnis, das wir für die Geschichte des Stifts Ramelsloh haben. Das Stift war eine der wichtigsten kirchlichen Institutionen des Mittelalters im heutigen Landkreis Harburg!


Fund des Monats: Flachbeil

Aus der Nähe von Kampen im Landkreis Harburg stammt dieses kleine unscheinbare Flachbeil. Entdeckt hat es Ole Uecker, Student der Ur- und Frühgeschichte, mit einem Metalldetektor. Wie es sich gehört und gesetzlich vorgeschrieben ist (mit einem Metalldetektor nach archäologischen Funden suchen darf man nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Denkmalschutzbehörden), hat er den Fund und die genauen Fundumstände beim Museum gemeldet. Bei dem Beil handelt es sich um eine sehr frühe Form. Viele kleine Löcher sind als Gussfehler anzusehen und deuten an, dass der Schmied sein Handwerk noch nicht richtig beherrschte. Die grüne Färbung des Beils verrät, dass es sich um ein Artefakt aus Bronze oder einer sonstigen Kupferlegierung handelt. Genaueres soll eine Materialuntersuchung an der Universität Hannover erbringen, die in Kürze stattfinden wird. Wenn sich unser jetziger Verdacht bestätigt, hat Ole Uecker ein kupferzeitliches Beil gefunden, einen der ältesten Metallfunde aus Niedersachsen überhaupt, der sogar aus der Zeit stammen könnte, als Ötzi in den Alpen unterwegs war und die Menschen hierzulande noch ganz und gar in der Steinzeit lebten.


Fund des Monats: Glasperlen

Es handelt sich hierbei um zwei Glasperlen des 9. Jahrhunderts aus einem kürzlich in der Nähe von Seevetal-Hittfeld ausgegrabenen Grubenhaus. Die Perlen gehörten zur Tracht sächsischer Frauen im frühen Mittelalter und waren auf Ketten aufgefädelt. Wahrscheinlich riss eine Kette und die Perlen fielen auf den Boden des als Webhütte genutzten Hauses. Das Bruchstück der grünen Perle ist 1 cm lang.