Großsteingräber, Grabhügel, alte Deiche – Mehr als 5.000 Fundplätze im Landkreis Harburg

Die meisten Menschen denken beim Stichwort Archäologie an das alte Ägypten, an Griechen oder Römer. Aber auch im Landkreis Harburg gibt es über und unter der Erde zahllose Bodendenkmale.
Derzeit kennen wir über 5.000 davon, von denen mehr als 2.000 noch oberirdisch sichtbar sind. Das ist jedoch nur ein Ausschnitt dessen, was noch im Untergrund verborgen liegt. Immer wieder tauchen bei Bau-, Forst- und Feldarbeiten bislang unbekannte vorgeschichtliche Siedlungsspuren und Gräberfelder auf.

Harburg vor 50.000 Jahren

Zu den oberirdisch sichtbaren Bodendenkmalen im Landkreis gehören auf der Geest hauptsächlich Großsteingräber, Grabhügel und Landwehren. In der Marsch handelt es sich überwiegend um Wurten und alte Deiche. In der Erde verborgen liegen Urnenfriedhöfe, Körpergräberfelder und vor allem die Reste der Siedlungen, in denen die prähistorischen Bewohner dieser Gegend lebten.
Die ältesten Hinterlassenschaften von Menschen im Landkreis Harburg sind fast 50.000 Jahre alt, darunter ein Faustkeil und andere Gerätschaften aus Flintstein. Auch von den späteiszeitlichen Rentierjägern, die vor rund 10.000 Jahrendie Region durchwanderten, haben sich Spuren erhalten. Mit Beginn der Jungsteinzeit um 4.000 v. Chr. wurden die Menschen sesshaft, und seitdem finden sich lückenlos über alle Epochen hinweg archäologische Zeugnisse ihres Lebens.
Ein besonders markantes Bodendenkmal ist der Burgwall von Hollenstedt aus dem späten 9. Jahrhundert n. Chr.

Service

Wer in Niedersachsen mit einem Metalldetektor nach Dingen im Boden suchen will, benötigt eine denkmalrechtliche Genehmigung (§ 12 Abs. 1 Niedersächsisches Denkmalschutzgesetz). Der Grund dafür ist, dass archäologische Funde bei der Bergung aus ihrem historischen Denkmalkontext gerissen werden, also ein Eingriff in ein Denkmal vorgenommen wird. Die Genehmigungspflicht gilt aber auch dort, wo gar nicht nach archäologischen Funden gesucht werden soll, sondern nach modernen Metallfunden. Denn der Detektor zeigt ja nur an, dass Metall im Boden liegt. Ob dieses modern ist oder archäologisch, zeigt sich erst beim Graben.
Die Berechtigung, für die Metalldetektorsuche einen Antrag zu stellen, kann man im Rahmen einer mehrstufigen Schulung erwerben. Das Schulungsverfahren ist kostenfrei. Am Anfang steht ein orientierendes Gespräch mit dem zuständigen Denkmalpfleger. Dann folgen ein theoretisches Schulungswochenende beim Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege in Hannover sowie ein praktischer Schulungstag. Mit der Teilnahmebestätigung des Landesamtes kann man dann bei der zuständigen Unteren Denkmalschutzbehörde einen Antrag auf die Suche in einem konkreten Suchgebiet stellen. Diese wird in aller Regel mit Auflagen und einer zeitlichen Befristung erteilt.
Die Suche nach archäologischen Funden kann einen großen Mehrwert für die Forschung liefern, wenn sie richtig betrieben wird. Im Landkreis Harburg ist daher eine Zusammenarbeit mit dem Museum erwünscht. Da andererseits illegale Sondengänger großen Schaden anrichten, werden diese vom Museum grundsätzlich angezeigt.

Kontakt

Bodendenkmalpflege
Landkreis Harburg
Dr. Jochen Brandt
Tel.: 040 42871-3696
E-Mail: Jochen.Brandt@amh.de
Fax: 040 42871-2684
Termine nach Vereinbarung.
Ihre Funde begutachten wir auch gern während der allgemeinen Sprechzeiten des Museums, mittwochs, 10:00 bis 12:00 Uhr und 14:00 bis 16:00 Uhr.

Ausgrabungen

Die Erschließungsarbeiten für ein neues Gewerbegebiet am Bosteler Feld (ehemals am „Am Bauhof“) in Seevetal-Hittfeld haben einen spannenden Fund zu Tage gebracht: Schicht für Schicht hat ein Team um Kreisarchäologe Dr. Jochen Brandt vom Archäologischen Museum Hamburg in den vergangenen Tagen Reste eines großen vorgeschichtlichen Hauses freigelegt. Das Grabungsteam fand zudem Scherben prähistorischer Gefäße. Doch noch gibt der Fund den Wissenschaftlern Rätsel auf.

Das Archäologen-Team bei der Ausgrabung in Hittfeld. Foto: WLH GmbH Das Archäologen-Team bei der Ausgrabung in Hittfeld.
Foto: WLH GmbH

Fest steht: Das Haus war einst 28 Meter lang und 6 Meter breit und hat damit eine Größe von fast 170 Quadratmetern. Noch ungeklärt ist jedoch das Alter des Gebäudes: „Aus Befunden rund um das Haus haben wir sowohl Keramik des frühen Mittelalters als auch der späten Steinzeit bergen können“, sagt Kreisarchäologe Jochen Brandt, der die Ausgrabung leitet. „Das Haus kann daher 1200, genauso gut aber 4000 Jahre alt sein“, so Brandt. Neben Scherben einfacher Gefäße aus der Zeit um 800 n. Chr. dokumentierte das Grabungsteam unter anderem auch reich verzierte Scherben, die der sogenannten Einzelgrabkultur und damit dem Ende der Steinzeit in Norddeutschland um 2500 bis 2000 v. Chr. zugeordnet werden können.

Sollte das Haus tatsächlich aus der späten Steinzeit stammen, dann wäre dieser Fund bislang einmalig im Landkreis Harburg: „So etwas zu entdecken, ist schon eine große Seltenheit, denn Häuser mit einer vergleichbaren Erhaltung gibt es im Landkreis Harburg nur sehr wenige. Es würde uns neue Erkenntnisse darüber geben, wie die Menschen zu jener Zeit gewohnt haben“, sagt Jochen Brandt.
Mit Hilfe weiterer naturwissenschaftlicher Analysen wollen die Archäologen das Rätsel nun lösen: Das Grabungsteam hat aus vielen der Pfostengruben des Hauses, die noch gut anhand von Bodenverfärbungen erkennbar waren, Holzkohle gewinnen können. Diese soll mit Hilfe der Radiokarbonmethode nun datiert werden. Die Ergebnisse werden jedoch erst in einigen Monaten vorliegen.

Möglich ist, dass es sich um eine alte, große Hofstelle handelt, in der Mensch und Tier einst zusammen gelebt haben. Dies würde auch erklären, warum um das Haus herum fast keine weiteren Besiedlungsspuren gefunden wurden. Die Funde aus unterschiedlichen Epochen lassen jedoch schon jetzt auf eine Siedlungskontinuität über Jahrtausende schließen, in denen Menschen immer wieder dieselben Flächen für Wohnen und Arbeiten genutzt haben könnten.

Eine Auswahl der Funde wie z.B. Keramik und eine Flintklinge. Foto: WLH GmbH Eine Auswahl der Funde wie z.B. Keramik und eine Flintklinge.
Foto: WLH GmbH

Gut erhaltene Reste eines Holzkastenbrunnens geborgen

In der vergangenen Woche konnte das Archäologische Museum Hamburg eine archäologische Ausgrabung erfolgreich abschließen, die sich u.a. mit den Spuren des Hamburger Missionars Ansgar beschäftigt hat. Die Grabung wurde in Zusammenarbeit mit dem Landkreis Harburg und der Grabungsfirma ArchON Bock & Höppner auf dem Grundstück einer alten Gärtnerei in Ramelsloh durchgeführt. Im Rahmen von Abrissarbeiten waren dort archäologische Spuren zu Tage getreten. Es handelte sich um Baubefunde aus der Zeit des 8./9. Jahrhunderts sowie des 14./15. Jahrhunderts.

Zum Abschluss der Grabung konnten die Archäologen noch die sehr gut erhaltenen Reste eines Holzkastenbrunnens freilegen. „Von größtem Interesse sind für uns vor allem die frühen Funde, da hier erstmals die Möglichkeit besteht, archäologisch in die Gründungszeit Ramelslohs vor rund 1200 Jahren vorzudringen“, sagt Kreisarchäologe Dr. Jochen Brandt. Die erste historische Erwähnung Ramelslohs datiert aus dem Jahr 845, als der Hamburger Erzbischof Ansgar vor einem Wikingerangriff aus Hamburg flüchten musste und zeitweilig in Ramelsloh Unterschlupf fand. Etliche der jetzt gefundenen Baustrukturen, darunter auch der Keller eines Hauses, könnten aus dieser Zeit stammen. Die Archäologen werden die Funde nun weiter auswerten. Das Grundstück, auf dem ausgegraben wurde, gehörte zum Stift Ramelsloh und beherbergte über lange Zeit, mindestens seit 1601, eine sogenannte Kurie, das Wohnhaus eines Stiftsangehörigen, das ab 1612 zugleich als Dorfschule diente. „Dass hier überhaupt Bebauungsspuren erhalten geblieben sind, grenzt schon an ein Wunder“, so Brandt, „denn das Grundstück ist in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder überbaut worden.“

Nachtrag: Interessante Auswertungen zur Grabung in Ramelsloh
Der Brunnen aus Ramelsloh im Landkreis Harburg, den wir zusammen mit der Grabungsfirma ArchON Bock & Höppner auf dem Grundstück einer alten Gärtnerei des Stifts Ramelsloh im Juni ausgegraben haben, hat dank der Analyse von Dr. K.-U. Heußner vom Deutschen Archäologischen Institut in Berlin eine jahrgenaue Datierung geliefert. Er wurde im Winter 1351/1352 errichtet. Dieses Datum passt sehr gut in den Zeithorizont, in dem der Großteil der Vikarien des Stifts Ramelsloh eingerichtet worden ist. Das ist das erste dingliche Zeugnis, das wir für die Geschichte des Stifts Ramelsloh haben. Das Stift war eine der wichtigsten kirchlichen Institutionen des Mittelalters im heutigen Landkreis Harburg!