Unter Häusern und Straßen verborgen – Hamburgs unterirdisches Bodenarchiv

Von Bodendenkmalen ist in der Metropole Hamburgs oberirdisch nur noch wenig zu sehen. Bedingt durch den Bauboom konzentriert sich die Arbeit der Hamburger Bodendenkmalpflege auf die Erforschung der mittelalterlichen und neuzeitlichen Geschichte der Altstadtkerne von Hamburg, Harburg und Bergedorf.

Ausgelöst durch Großbauprojekte wurden in den letzten Jahren umfangreiche archäologische Ausgrabungen, u. a. auf dem Hamburger Domplatz, im Umfeld der Hauptkirche St. Petri am Speersort und Hopfenmarkt  sowie im Harburger Binnenhafen durchgeführt. Viele Ergebnisse sind in die digitale Ausstellung „HAMMABURG UND DIE ANFÄNGE HAMBURGS” im Google Arts Projekt eingeflossen, andere in der Publikation “Archäologie in Hamburg / Die Harburger Schloßstraße” nachzulesen.

Service

Kontakt

Bodendenkmalpflege
Freie und Hansestadt Hamburg
Dr. Elke Först
Tel.: 040 42871-3690
E-Mail: Elke.Foerst@amh.de
Termine nach Vereinbarung.
Ihre Funde begutachten wir auch gern während der allgemeinen Sprechzeiten des Museums, mittwochs, 10:00 bis 12:00 Uhr und 14:00 bis 16:00 Uhr.

Ausgrabungen

Grabung geht nach sechs Monaten zu Ende

Die Gruben werden wieder verfüllt, die letzten Befunde vermessen und die archäologischen Funde verpackt: Nach sechs Monaten Grabungstätigkeit in unmittelbarer Nähe zur Hafencity und zur Elbphilharmonie, im Bereich der sogenannten „Cremon-Insel“, zieht das Archäologische Museum Hamburg eine positive Bilanz. Die Ausgrabung brachte eine Fülle von neuen Erkenntnissen zur Hamburger Siedlungsgeschichte.

Fotos: Peet Behm

Seit dem Frühling 2017 hat das Archäologische Museum Hamburg auf der Suche nach der frühen Geschichte der Hansestadt eine Grabungsfläche von etwa 240 Quadratmetern archäologisch betreut. Zum einen ging es darum, dem Boden an einem geschichtsträchtigen Ort seine letzten Geheimnisse zu entlocken, bevor das Areal erneut überbaut wird und alle archäologischen Spuren vernichtet. Zum anderen sollten Erkenntnisse zur Siedlungsentwicklung, Wirtschaftsweise, aber auch zum täglichen Leben der damaligen Bewohner Hamburgs gewonnen werden.

Eine Reise durch die Schichten: Was haben die Archäologen gefunden?

Auf der heute kaum noch als Insel zu erkennenden Cremon-Insel untersuchten die Archäologen auf dem Gelände „Bei den Mühren 2-5“ die hinteren Bereiche der Grundstücke, die im Norden an das 1946 zugeschüttete Katharinenfleet – die heutige Straße Katharinenfleet – grenzen. Die ältesten Stadtabbildungen, auf denen die Cremon-Insel deutlich zu erkennen ist, stammen aus der Zeit um 1585 und 1588. Auf diesen ist bereits eine kleinteilige Parzellierung mit Hausbebauung bis zum Katharinenfleet hin zu sehen. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich in dem Gebiet viele Bauschichten übereinander abgelagert. Diese Schichten erzählen von den Anfängen der Stadt und verschiedenen Besiedlungsphasen. Besonders interessierte die Archäologen, wann die Cremon-Insel erstmalig besiedelt wurde, wie diese Erstbesiedlung stattfand und sich die einzelnen Grundstücksparzellen entwickelt haben. Auf diese Fragen kann die Archäologie nun Antworten geben.

Fast sechs Meter unter dem heutigen Straßenniveau konnten die ältesten Siedlungsspuren, die in das 12. bis 13. Jahrhundert datieren, entdeckt werden. Die Oberfläche der Cremon-Insel lag zu dieser Zeit nur wenig höher als der Wasserspiegel der Elbe, wodurch sie nur bedingt zur Besiedlung geeignet war. Bisher wurde davon ausgegangen, dass zur Erstbesiedlung eine Eindeichung der Insel durchgeführt wurde. Inzwischen gehen die Archäologen aber davon aus, dass das Gebiet nur durch einen Graben entwässert wurde. Außerdem fanden sie heraus, dass die ersten großen Grundstücke, die im 12./13. Jahrhundert entstanden, bis in das 14./15. Jahrhundert bestehen blieben. Erst dann wurden sie in kleinere Parzellen geteilt und blieben so bis in das 20. Jahrhundert bestehen. Unterteilt wurden die einzelnen Grundstücke durch Gräben, die nach Norden ins Katharinenfleet entwässerten. Erst im 16. Jahrhundert setzte eine Bebauung der Hinterhöfe mit sogenannten Fleetspeichern ein. Die Giebel der dort errichteten Speicher bildeten nun die südliche Grenze des Katharinenfleets. Die Archäologen konnten anhand der Befunde (zahlreiche Mist- und Fäkalschichtenbelege) feststellen, dass vor der Bebauung im 16. Jahrhundert die Höfe über 300 Jahre lang als Gartenland und Platz für die Viehhaltung genutzt wurden.

Die Arbeit der Archäologen geht weiter

Insgesamt wurden etwa 6000 Funde erfasst, die nun Aussagen zum sozialen Milieu, den Handelsbeziehungen und der Wirtschaftsweise ermöglichen. Besonders begeistert waren die Archäologen von der außergewöhnlich guten Erhaltung der Holzfunde. Der feuchte Boden konservierte die Fundstücke ungewöhnlich gut, so dass zahlreiche dendrochronologische Untersuchungen durchgeführt werden konnten, um eine Datierung der verschiedenen Siedlungsperioden zu ermöglichen. „Um die Befunde wissenschaftlich richtig einordnen zu können, müssen wir das gesamte Material nun sichten und dokumentieren“, so der Grabungsleiter Kay-Peter Suchowa. Ein Puzzle, das von den Archäologen nun zusammengesetzt werden muss und sicherlich weitere spannende Erkenntnisse bringen wird.

In unmittelbarer Nähe zur Hafencity und zur Elbphilharmonie, im Bereich der sogenannten „Cremon-Insel“, führt das Archäologische Museum Hamburg noch bis November eine Ausgrabung durch. Auf der heute kaum noch als Insel zu erkennenden Cremon-Insel sichern die Archäologen auf dem Gelände „Bei den Mühren 2-5“ alle archäologischen Spuren, bevor dort eine Neubebauung startet. Die Wissenschaftler erhoffen sich Aufschluss über die Siedlungsentwicklung, Kolonialisierung und Nutzung des Areals vom Mittelalter bis in die Neuzeit.
Untersucht werden dabei die hinteren Bereiche der Grundstücke, die im Norden an das 1946 zugeschüttete Katharinenfleet – die heutige Straße Katharinenfleet – grenzen. Bei der Cremon-Insel handelt es sich um eine Marschinseln im Mündungsgebiet der Alster in die Elbe. Ihr Name leitet sich wahrscheinlich vom ersten im Stadtbuch erwähnten Grundeigentümer „Fredhericum de Crimun“ ab. Die Insel wurde vermutlich erst im 12. / 13. Jahrhundert besiedelt und dann 1247 zusammen mit dem Katharinenfleet erstmals urkundlich erwähnt. Bisher wird angenommen, dass zu Beginn der Besiedlung ein Ringdeich angelegt wurde, der im Verlauf der heutigen Straßen Cremon, Katharinenstraße, Steckelhörn, Bei den Mühren und Bei dem neuen Kran verlief. Die frühen Grundstücke innerhalb dieser Eindeichung sollen dabei die gesamte Inselbreite eingenommen haben. Im Laufe der Jahrhunderte wurden diese Grundstücke zu immer kleineren Parzellen.
Mit der derzeitigen Ausgrabung gilt es, die bisherigen Ansichten zu überprüfen. Die ältesten Stadtabbildungen, auf denen die Cremon-Insel deutlich zu erkennen ist, stammen aus der Zeit um 1585 und 1588. Auf diesen ist bereits eine kleinteilige Parzellierung mit Hausbebauung bis zum Katharinenfleet hin zu sehen. Zu dieser Bebauung gehören die jüngsten jetzt entdeckten Hausbefunde, außerdem eine Abfallgrube voller Keramik zur Zuckerhutherstellung; die Scherben datieren in das 18. / 19. Jahrhundert. Mehr als 100 Zuckerhut- und Melassetöpfe belegen, dass auf dem Grundstück Zucker raffiniert worden ist. Zwischen 1750 und 1850 war Hamburg das Zentrum der europäischen Zuckerraffination. Bezeichnenderweise stand in unmittelbarer Nachbarschaft um 1870 eine Destille: Zur Herstellung von Branntwein wird Zucker benötigt.
Schriftliche Nachrichten aus der jüngsten Bebauungszeit berichten, dass die zum Katharinenfleet gelegenen Hausfronten baufällig waren, der herausgefallene Schutt das Fleet verunreinigte und die Schifffahrt gefährdete. Wir erfahren auch beispielsweise, dass 1894 ein Bauantrag gestellt wurde, um eine doppelte Kegelbahn sowie einen Ofen in den Keller eines der untersuchten Häuser einzubauen.
Abwasserleitungen aus Holz und Sandstein zeigen, dass im 16. Jahrhundert Unrat aus den vorderen Dielenhäusern in das Fleet geleitet wurde. Im 15. Jahrhundert jedoch war, wie archäologische Befunde beweisen, der hintere Hofbereich noch unbebaut. Fast 4,5 m unter der heutigen Oberfläche konnte eine alte Uferbefestigung erfasst werden, die zeigt, dass sich das Katharinenfleet um mindestens 2 m Richtung Süden ausgedehnt hat und die Höfe einen offenen Zugang zu diesem geboten haben.
Neben zahlreichen lokalen, aber auch importierten Keramikfunden konnte dort eine Bernsteinperle geborgen werden. Bernstein, das „Gold der Ostsee“, war ein begehrtes Handelsgut, und sicherlich hat sich der Besitzer über diesen Verlust geärgert.
Bis zum November 2017 wollen die Archäologen noch weitere 1,5 m in die Tiefe gehen, um die Phase der Erstbesiedlung zu erfassen. Welche Rätsel es dabei noch zu entschlüsseln gilt, ist nicht vorherzusehen, und so bleibt es weiterhin spannend.
Fotos: Peet Behm

Auf der Suche nach den Anfängen Hamburgs

Im Herzen der Stadt, im Bereich der sogenannten „Neuen Burg“ im Nikolaiquartier, führt das Archäologische Museum Hamburg eine 6-monatige Ausgrabung durch. Das Gebiet rund um den Hopfenmarkt birgt ein für Hamburg einzigartiges Bodendenkmalensemble. Hier begann vor fast 1.000 Jahren die Entwicklung Hamburgs von der Burg zur Stadt. Die Archäologen wollen dem Boden an einem der geschichtsträchtigsten Plätze Hamburgs seine letzten Geheimnisse entlocken, bevor die Neubebauung des Grundstückes startet und alle archäologischen Spuren vernichtet werden. Auf dem 119 m² großen Grabungsfeld sind archäologische Funde der zwischen 1021 und 1024 errichteten Ringwallbefestigung der „Neuen Burg“ im Erdreich erhalten. Diese sollen nun vor der Neubebauung ausgegraben und wissenschaftlich dokumentiert werden.
Bereits in den Jahren 2014/15 haben die Archäologen auf dem südlich angrenzenden Grundstück Reste des Walles der Neuen Burg ausgegraben. Damals sorgten sie schon für eine Überraschung: Sie konnten durch dendrochronologische Untersuchungen nachweisen, dass die Neue Burg rund 40 Jahre älter war als zuvor angenommen und dass die sogenannte „Alsterburg“, die in vielen historischen Quellen erwähnt wird, nicht existiert hat.  Auf der aktuellen Grabungsfläche (Großer Burstah 19-21 / Hahntrapp 4) hoffen sie nun, neue wichtige Ergebnisse ermitteln zu können, so z.B. die ehemalige Wallhöhe sowie den weiteren Wallverlauf. Da die Straße „Großer Burstah“ nach dem heutigen Kenntnisstand der Archäologen dem Verlauf eines bereits im 11. Jahrhundert genutzten Handelsweges folgt, wäre es möglich, während der Grabung in den Bereich einer ehemaligen Toranlage zu gelangen. Auf dem Grabungsfeld könnten sich zudem Reste der später entstandenen Kaufmannssiedlung befinden.

Fotos: Peet Behm